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Interview mit Kochsmaat DummerKARL -OTTO DUMMER - einer der letzten Überlebenden des Pamir-Untergang berichtet.
Kein Wunder, dass die "Fernsehgewaltigen" auf ihn aufmerksam wurden und der NDR ein Interview mit ihm drehte. Nur zu gern hätte man Karl-Otto Dummer für die aktuelle Verfilmung des Pamir-Unterganges gewonnen! Der gelernte Bäcker und studierte Betriebswirt hätte sicherlich einiges aus seiner Zeit, in der er zur See gefahren ist, beigetragen. Er wäre als letzter ansprechbarer Überlebender der Pamir auch bestimmt ein gutes "Aushängeschild" für PR-Zwecke gewesen. Herr Dummer, hat man Ihnen angeboten, bei dem Film als Berater mit zu wirken? KOD: Ja, der NDR fragte nach, ob ich an einer solchen Position interessiert wäre und grundsätzlich stand ich dem auch nicht ablehnend gegenüber. Doch dann las ich einen Zeitungsbericht über die Dreharbeiten gelesen und mir kamen Zweifel. Der NDR drehte ein Interview mit mir und schnitt alle von mir erwähnten Kritikpunkte heraus. Ich war dann am Set und habe gesehen, dass der Film absolut nichts mit den Tatsachen zu tun hat und habe dann offiziell erklärt, dass ich für den Quatsch nicht zur Verfügung stehe. Was ist denn so falsch? Der NDR investiert doch 7,5 Millionen Euro und hat beispielsweise das Segelschiff "Sedov" komplett in die Farbe der Pamir umlackieren lassen. Auch das historische Set ist sehr sorgfältig aufgebaut worden. KOD: Das mag sein, aber bei mir gingen sofort alle roten Lampen an. Das geht bei Kleinigkeiten los: Auf der Pamir gab es keine Prachtuniformen, wie der Film-Kapitän sie trägt und auch der Bootsmann war 65 und nicht 40 Jahre alt, wie Hauptdarsteller Behrendt. Aber das sind eher die Kleinigkeiten. Auch die Handlungen sind an den Haaren herbei gezogen. Kapitän und Bootsmann kannten sich vorher gar nicht. Wenn ich dieses zusammenzähle, kann ich mir recht gut vorstellen, was für ein Fernsehprodukt am Ende in seiner Gesamtheit dabei heraus kommt. Damit will ich nichts zu tun haben. Nun muss das Fernsehen einen Film ja auch dramaturgisch eindampfen, damit er für den Zuschauer spannend wird. KOD: Das stimmt für einen fiktiven Spielfilm, aber wenn ich höre, dass der Produzent Dr. Esche auf dokumentarische Aspekte so viel Wert legt, dann setze ich etwas mehr Wahrheitsgehalt voraus. Wissen Sie, ich habe nach meiner Seefahrtszeit Betriebswirtschaft studiert und weiß schon, wie das mit dem Geldverdienen funktioniert! Man darf mir nicht böse sein, wenn ich nicht begeistert darüber bin, dass das auch auf dem Rücken der Leidtragenden geschieht, vor allem, wenn die Wahrheit so verfremdet wird. Sie waren am Set auf der "Passat", dem Schwesternschiff der Pamir. Hatten Sie Kontakt zu den Schauspielern? KOD: Der Liefers kam auf mich zu, ich wusste gar nicht wer das ist, und meinte: "Kennen Sie mich denn gar nicht?" Ich kannte ihn nicht! Er fragte dann, was ich auszusetzen habe. Ich erklärte ihm, dass der Umgangston an Bord ein anderer war, wir damals so nicht miteinander gesprochen haben und ich den Eindruck habe, dass sie ein Märchen drehen. Auch mit Behrendt habe ich gesprochen. Der meinte lediglich, er sei nur Schauspieler, er bekommt das Drehbuch, seine Gage und ob es stimmt oder nicht interessiere ihn nicht. Das kann man ja soweit sogar akzeptieren - allerdings habe ich jetzt gehört, dass er und sein Freund die Idee zu diesem Film gehabt haben und auch gemeinsam am Drehbuch arbeiteten. Etwas mehr Rückgrat hätte ich dem "jungen Pamir-Bootsmann" nun schon zugetraut! Da hat er mir gegenüber wohl gekniffen? Na was soll's, ich war für die sowieso nur "der Nörgler" und habe mich mit den Worten "Ihr spinnt doch alle!" vom Fernsehen verabschiedet. Werden Sie sich den Film ansehen? KOD: Sicher! Ich bin begeisterter Sammler und dazu gehört auch, dass man schlechte Darstellungen sammelt! Ich habe beispielsweise ein Buch aus der DDR, das jeder Beschreibung spottet. Es gibt soviel Schund, auch der muss der Vollständigkeit halber dokumentiert werden. Da mache ich vor dem Film nicht halt! Dann ärgere ich mich eben, das gehört dazu. Meinen Sie, dass Ihnen alte Erlebnisse hoch kommen und Sie das psychologisch verkraften? KOD: Das weiß ich nicht. Vielleicht schalte ich mitten drin ab und zeichne ihn auf Video auf. Ich habe in der Sammlung Dokumentationen, die ich mir nicht angucken kann, weil mir alles hoch kommt. Das ist nicht nur bei Dingen so, die mit der Seefahrt zu tun haben. Auch beispielsweise bei einem Bericht über ein Grubenunglück schnürt sich meine Kehle zu und mir schießen die Tränen in die Augen. Ich identifiziere mich einfach zu sehr mit den Opfern. Man hat eindeutig eine Macke bekommen, wenn man ein solches Erlebnis hatte. Was hatten Sie denn privat für ein Gefühl, als Sie auf den Planken der "Passat" standen? War das beklemmend? KOD: Nein, das nicht. Ich war vielmehr enttäuscht, wie sehr dieses Schiff verkommen ist! Es war eine bittere Enttäuschung dieses Schiff in diesem Zustand zu sehen. Haben Sie, beispielsweise nach Ihrem Besuch am Fernsehset, mit der Vergangenheit zu kämpfen? Bewältigen Sie Ihre Erlebnisse noch heute im Traum? KOD: Nicht im Traum, aber ich befasse mich auch heute noch sehr oft damit. Es gibt gute und schlechte Tage. An den Guten kann ich darüber sprechen, an den Schlechten schmeiße ich jeden raus, der das Wort "Pamir" in den Mund nimmt. Dieses "Befassen", meine dokumentarische Leidenschaft und meine Bücher sind letztlich auch meine Selbsttherapie. Ich bin ein Einzelgänger, ein Individualist und mache meine Probleme mit mir selbst ab. Sie haben nicht nur mit der Pamir Schiffbruch erlitten, sondern sind mehrmals untergegangen? KOD: Ich bin gelernter Bäcker und als Kochsmaat schon vorher zur See gefahren. Das erste Mal bin ich mit einem schwedischen Schiff, das auf die Küste geknallt und weggesackt ist, abgesoffen, das zweite Mal mit der Pamir und über das dritte Mal rede ich nicht, das war meine eigene Dämlichkeit! Wie sind Sie eigentlich auf die Pamir gekommen? KOD: Das war ein richtiges Märchen! Ich wollte schon immer auf die Pamir, aber meine Bewerbungen wurden gar nicht beantwortet oder abgelehnt. Eines Tages lag die Pamir im Hamburger Hafen und ich besichtigte sie. Als ich mir die Kombüse ansehen wollte, die in der Nähe des Funkraumes lag, hörte ich dort zwei Offiziere über die Besatzung für die nächste Fahrt reden: "Jetzt fehlt uns nur noch ein Bäcker". Ich stand sofort im Funkraum und sagte: "Hier ist euer Bäcker!" und hatte den Job! Das war 1956.
KOD: Das erweckt so ein bisschen den Eindruck der Sorglosigkeit. Auch so ein Fernsehmärchen! Natürlich hat niemand damit gerechnet, dass die Pamir untergeht. Wer nimmt schon das Schlimmste absichtlich an? Und wo sollte man hin, wenn über das Schiff, aufgrund der Schräglage, die Wellen schlagen? Wir kauerten auf dem Hochdeck und jeder hat etwas mit nach oben genommen. Ich hatte Brot aus der Kombüse dabei, andere Zigaretten und vielleicht war auch eine Flasche Schnaps am Kreisen. In einer solchen Situation sind alle höchst angespannt und konzentriert, weil sie auf ihre Befehle warten, die jede Sekunde kommen können. Natürlich hatten auch manche eine Kamera dabei und versuchten die Situation zu fotografieren. Was denken Sie, war der Grund für den Untergang des Schiffes? Das ist ja bis heute umstritten. KOD: Da kann ich nur eine sehr schlitzohrige Antwort geben: Es gibt ein Dutzend Möglichkeiten, warum ein Schiff in einem Orkan untergeht und von jeder dieser Möglichkeiten ist ein kleinen bisschen eingetreten. Sicherlich hätte einiges vermieden werden können, darüber ist ja auch of genug berichtet worden. Ich persönlich denke, dass der Schiffsrumpf beschädigt war. Beim Untergang habe ich eine Staubfontäne aus dem Schiff herausschießen sehen. Ein Zeichen dafür, dass eine Beschädigung des Rumpfes vorhanden war, sonst hätte sich dieser Überdruck nicht entladen können. Normalerweise schwimmt ein Schiff auch noch lange Zeit nach dem Kentern auf seiner Luftblase. Die Pamir sank in kürzester Zeit. Ich persönlich denke, dass der Untergang der Pamir vom Seeamt nur oberflächlich behandelt wurde. Und Sie saßen 56 Stunden im Rettungsboot! Was ging Ihnen in dieser Zeit durch den Kopf? KOD: Was für eine Frage! Was geht einem in 56 Stunden durch den Kopf? Alles! Vom Fliegenfischen in der Jugend bis hin zur Familie. Es war ja nicht so, dass wir genau wussten, dass wir in den nächsten Stunden rausgefischt werden würden. Dann konzentriert man sich auf die Dinge, die man direkt organisieren muss. Wir haben natürlich auf eine schnelle Rettung gehofft. In dieser Zeit geht einem alles durch den Kopf! Wie verbrachten Sie die Zeit im Rettungsboot? KOD: Ich habe über diese 56 Stunden einen Bericht geschrieben, der in aller Ausführlichkeit in meinem Buch steht. Eine noch ausführlichere Veröffentlichung über 300 Seiten findet man in meinem ersten Buch, das ich mit dem verstorbenen Seeschriftsteller Jochen Brennecke schrieb (Verlag Koehlers / Herford ISBN 3-7822-0396-8). Dort kann man alles nachlesen.
Hatten Sie Angst vor dem Tod? KOD: Nein, keine Sekunde lang! Zum einen war ich fest davon überzeugt, dass wir rausgefischt werden. Wir sahen ja zwischendurch am Horizont die Schiffe, die nach uns suchten. Ich habe mich erst am Ende des zweiten Tages gefragt, ob ich den dritten noch durchhalten würde. Zum anderen habe ich ja gesehen, wie andere im Rettungsboot gestorben sind. Das Bewusstsein schwindet, man schläft ein. Das ist kein schlimmer Tod! Ich habe nachher noch mit Verwandten der Verstorbenen gesprochen, die teilweise richtig enttäuscht waren, dass ihr Sohn sich nicht gegen den Tod gewehrt und gekämpft hat. So hätten sie ihn gerne gesehen. Einer ist plötzlich aus dem Rettungsboot heraus und um es herum geschwommen und hat geblödelt. Plötzlich war er weg. Haben Sie einen Freund verloren? Wie ging ihre Familie damit um? KOD: Ich hatte keinen engen Freund auf der Pamir. Es hat sich dadurch eine Bekanntschaft zu Günter Haselbach, dem anderen Überlebenden, entwickelt, der nicht allzu weit entfernt wohnt und mit dem ich regelmäßig Kontakt habe. Aber Günter hält sich aus der Öffentlichkeit heraus und redet auch nicht darüber. Auch nicht mit mir. Das ist seine Art, das Geschehene zu bewältigen. Meine Familie hat sich während meiner Zeit im Rettungsboot vermutlich mehr Sorgen um mich gemacht als ich! Gehen Sie, nach diesen Erlebnissen, heute mit dem Tod anders um? KOD: Ich glaube, niemand hat Angst vor dem Tod. Ich denke, die Menschen haben Angst vor dem Sterben, das ja sehr unangenehm sein kann. Wenn man plötzlich abgeschaltet werden würde, wäre das ja nun wirklich nicht schlimm. Wie geht es Ihnen gesundheitlich? KOD: Ich habe Krebs und nehme starke Medikamente gegen die Schmerzen. Aber ich komme klar. Mein Arzt sagte mir vor sieben Jahren, dass ich noch drei Jahre zu leben hätte. Leben Sie heute im Kreise Ihre Familie? KOD: Ich war 18 Jahre lang verheiratet und lebe jetzt wieder allein. Aber ich habe einen Bruder und eine große Familie, die hier im Norden lebt. Das war auch der Grund, warum ich aus dem Süden hochzog, wo heute noch mein Sohn lebt. Ich dachte mir, wenn mal was ist und du umfällst, dann findet dich wenigstens jemand. Mittlerweile stelle ich fest, dass ich auch jetzt niemand von meiner Familie sehe. Nur mein Sohn besucht mich einmal im Jahr. Aber ich bin nicht unglücklich damit. Ich habe meinen Hund "Scotty", der aber auch auf "Hund" hört , helfe meiner Nachbarin bei den Kreuzworträtseln, einen wunderschönen verwilderten Garten mit Blumen und offensichtlich bin ich immer noch gefordert, die Wahrheit über die Pamir zu erzählen und die Märchen des Fernsehens zu korrigieren! Vielen Dank für dieses Interview! Christian Pantel
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