Bääärenstark – Herbst 2009 - im Test von Holger Stürenburg

Wir befinden uns zwar noch mittendrin im heißen Hochsommer, gerade heute herrschen bei uns in Hamburg kaum auszuhaltende, geradezu tropische Temperaturen von ca. 35 Grad, aber, wenn wir auf den Kalender schauen, stellen wir umgehend fest: Der August geht zu Ende, so langsam, aber sicher, naht, ob man es nun mag oder nicht, der Herbst.
Dies bedeutet: „Balu“, der niedliche Schlagerbär von SONY Music, kehrt aus seinem wohlverdienten Sommerurlaub zurück, um den Freunden deutschsprachiger Schlager- und Popmusik das aktuellste, erfolgreichste, spannendste und prägnanteste aus diesem Genre, das in diesen Wochen Hitparaden und Rundfunkstationen beherrscht hat, geballt vorzulegen und schmackhaft zu machen.

Dies geschieht mittels der proppevollen Doppel-CD„Bääärenstark!!! – Herbst 2009“, die 42 Liedbeiträge präsentiert. Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger als Schlagerpower pur – und dieses Mal hat „Balu“ wahrhaftig Geschmack bewiesen. Die meisten von ihm ausgewählten Titel überzeugen auf ganzer Linie; Mittelmaß oder gänzlich Ungenießbares kommen auf vorliegender Koppelung so gut wie gar nicht zum Zuge. Zudem strotzt die aktuelle „Bääärenstark!!!“-Ausgabe nur so von großen Namen der Branche.

So startet CD-01 sogleich mit der begehrten Krefelder Schlagerlady ANDREA BERG, die ihre aktuelle Radiosingle „Da, wo ein Engel die Erde berührt“ mit im Gepäck hat, einen romantisch-nächtlichen Mid-Tempo-Schlager, zwar im gewohnten Eugen-Römer-Sound gehalten, aber keinesfalls unsympathisch oder womöglich gar langweilig. Die bildhübsche „Chaoskönigin“ KRISTINA BACH ist mit ihrem diesjährigen Sommerhit „Der letzte Schmetterling (Fly away)“ vertreten, einem äußerst sympathischen, leicht mediterran angehauchten Discoschlager bester Güteklasse, entnommen Kristinas betörender, aktueller Silberscheibe „Tagebuch einer Chaos-Queen“. Auch Kollegin NICOLE wartete 2009 mit einem profunden Spitzenalbum auf. Die langmähnige Saarländerin nannte ihre hervorragende Produktion „Meine Nummer 1“; der phänomenale Titelsong derer fand nun den Weg auf „Bääärenstark!!! – Herbst 2009“.
Ironisch, kess und witzig geht’s in „Tausend Frauen“, der derzeitigen Radioauskoppelung von CLAUDIA JUNG MdL zu – m.E. einer der spritzigsten, gleichfalls ungewöhnlichsten Titel, welche die charmante Blondine aus Gerolsbach im Landkreis Pfaffenhofen/Ilm in den letzten Jahren aufgenommen hat.
Die prominente belgische Schlagersängerin DANA WINNER stellt uns den fröhlichen, herrlich unaufgeregten, von Lyriknachwuchstalent Tobias Reitz mit einem wunderschönen Text versehenen Countryschlager „So weit die Sehnsucht reicht“ vor. Der knapp 30jährige Düsseldorfer schrieb zuletzt übrigens auch für den nicht unumstrittenen Kinderstar FRANZISKA („Für Dich und immer wieder Dich“), den so groß gewachsenen, wie großartigen Gratwandler zwischen Schlager und Deutschpop, ANDRE’ STADE („Du hast noch immer Sterne in den Augen“), und das bislang in unseren Breitengraden noch nicht so bekannte, österreichische Quintett „NORDWAND“ („1000 Jahre Du“); sämtliche hier aufgeführten Titel kommen selbstverständlich auf „Bääärenstark!!! – Herbst 2009“ zum Einsatz.

Das ebenfalls aus der Alpenrepublik stammende Brüderpaar „BRUNNER & BRUNNER“ zeigt sich gewitzt doppeldeutig und proklamiert in einer rasanten Andreas-Martin-Komposition „Alle wollen immer nur das eine“; konsequent erotisch und für Schlagerverhältnisse nicht gerade alltäglich offenherzig, erklingt der balladesk beginnende und sich nach und nach zu einem feschen Tanzflächenfüller auswachsende Discofox „So eine Nacht“ von OLAF HENNING.

Real „’himmlisch’ wird’s bei dem ‚Stern’ namens NIK P., der uns über den „Mann im Mond“ erzählt, während der Neunkirchener Vollblutmusiker ANDREAS MARTIN mittels eines eingängigen, peppigen, überaus tanzbaren Popschlager-Ohrwurms von seinem persönlichen „Schutzengel“ (Songtitel) schwärmt. Gerry Friedle alias „D.J. ÖTZI“ besingt nachdenklich und völlig unpathetisch seine Freundschaft zu einem kürzlich verstorbenen Menschen, der nun im „Hotel Engel“ (Songtitel) lebt und unten auf der Erde von seinem Umfeld mehr als nur vermisst wird.

Der Großmeister des poppigen Romantikschlagers G.G. ANDERSON hymnisiert liebevoll und augenzwinkernd eine alte Urlaubsliebe, die auf den Namen „Lena“ hört. Ebenfalls in die Schublade „Romantikschlager“ fallen die „Könige der Tanzpaläste“ vom „FERNANDO EXPRESS“, die mit der vorantreibenden, latent russisch untermalten Up-Tempo-Komposition „Piroschka“ mit dabei sind. VIVIAN LINDT („Mit der Achterbahn hinein ins Glück“), OLAF BERGER („Kopf oder Zahl“) und UWE BUSSE („Zärtlicher Tyrann“) haben durchaus freundliche, liebenswerte, aber vielleicht doch einwenig zu konventionell ausgefallene Schlagermelodien vorzuweisen. Der Musicalsänger und Howard-Carpendale-Freak JENS BOGNER lädt uns in „Schönes bleibt“ auf eine Zeitreise in unsere Jugend ein, während Multitalent ISABEL VARELL sexy und keck einen fetzigen Lobgesang auf das wilde Leben „Nachts“ (Songtitel) zelebriert.

Nicht gerade zu den besten Exponaten ihrer knapp 30jährigen Karriere muß leider die unnötig eintönige, unspannende, mehr schlecht als recht langsam vor sich hin plätschernde Popballade „Ein Augenblick in Rot“ von der „MÜNCHENER FREIHEIT“ bezeichnet werden. Jungs, Ihr habt weitaus mehr drauf, kehrt doch bitte, bitte schnell zu Eurer guten, alten Qualität zurück!!! Der ewige „Fischer von San Juan“ Tommy Steiner, den ich nun auch schon seit seinen Anfangstagen 1983/84 sehr schätze, hat ebenfalls schon bessere Nummer aufgenommen, als den viel zu seichten Allerweltsschlager „Spiel mit mir Liebe“.
Der sprichwörtliche Edelmann des gehobenen Schlagers, ROLAND KAISER, dagegen steigert sich, gerade in den letzten Jahren, von CD zu CD. Aus seinem aktuellen Spitzen-Opus „Wir sind Sehnsucht“ entnahm „Balu“ die elitäre, prickelnde, hundertprozentig überzeugende Pop/Rockballade „Ich hab Deine Tränen nicht verdient“.
Im trefflichen, munteren Discofox-Kontext verbleibt MICHAEL WENDLER, der mit „Du & ich“ mal wieder einen krossen Partyreißer auf Lager hat. Einen swingenden, locker-legeren Sommerschlager per Excellanze stellt uns der Deutsch-Italiener RAFFAELE vor: „Sommerzeit“ versprüht einfach nur Frohsinn, Ferienstimmung und Gute Laune – zweifellos ein mehr als nur gelungener Titel, den man nur einmal gehört haben muß, um ihn so schnell nicht wieder zu vergessen; gleiches gilt unterschiedslos für „Ich schenk Dir diesen Tag“ von ANDREAS ZARON.

Obwohl er schon seit über 20 Jahren in der Musikszene tätig ist und längst einen guten Namen hat, begann der gebürtige Schweizer David Brandes erst vor kurzem, sich auch des Schlagergenres anzunehmen, nachdem er zuvor überwiegend im Dancefloor- und Popbereich zig Erfolge als Produzent, Komponist und Arrangeur feiern konnte.
2008/09 geht der Klangzauberer aus Bad Bellingen gleich mit vier deutschsprachigen Acts ins Rennen: Da wäre zunächst seine Entdeckung CHRISTIAN LAIS zu nennen, für den er einen Radiospitzenreiter nach dem anderen schrieb. Der sympathische Frauenschwarm ist auf „Bääärenstark!!! – Herbst 2009“ mit dem immens 80er-Jahre-lastigen Edelpopper „Wie Feuer im Eis“ zu hören.
Der Österreicherin SIMONE schneiderte David den gefühlvollen Mid-Tempo-Hymnus „Morgenrot“ auf den zarten Leib; ein wundervolles Stück Musik auf höchstem Niveau, das Vergleiche mit internationalen Produktionen keinesfalls scheuen muß.
Ein besonderer Coup gelang David, als er zwei Schlagerlegenden aus der Vergangenheit für ein Comeback gewinnen konnte. Der heutzutage in Stockdorf bei München lebende PETER RUBIN zählte Ende der 60er bis Anfang der 80er zu den beliebtesten Schlagerinterpreten der BR Deutschland. Für „Mister Azzurro“ schrieb der einstige Frontmann der Romantikpop-Formation „Xanadu“ das ohrwurmträchtige Liebeslied „Wie soll ich lachen, wenn Du weinst?“.
Als ich den im Folgenden genannten Titel erstmals hörte, war ich in denselben von einer Sekunde auf die andere mächtig verliebt. Nicht nur, weil ich schon in meiner Kindheit und Jugend ein Riesenfan von CHRISTIAN FRANKE war, sondern weil das Lied einfach Gänsehaut erzeugt und einem wohlige Schauer über den Rücken perlen läßt. Endlich wagt nun also auch der hochbegabte Nürnberger mit seiner charakteristischen Kopfstimme eine Rückkehr ins teutonische Showleben – natürlich unter der Ägide von David Brandes, der für seinen neuesten Schützling den schier brillanten Edelschlager „Geh nicht fort (Guardian Angel)“ konzipierte, der für mich bereits jetzt einen der wichtigsten, bleibendsten, weil qualitativ hochwertigsten Popschlager des laufenden Jahres darstellt.

Seit 17 Jahren arbeiten die einstige Grundschullehrerin Heike Fransecky und der frühere Frontmann/Keyboarder der „DDR“-Synthipopformation „LOTOS“, Andreas Goldmann, überaus reputierlich zusammen. Heike textet, „Goldi“ komponiert und arrangiert – heraus kommen dabei regelmäßig so phänomenale Schlagerperlen der Sorte „Spiegelbilder“ (Anke Lautenbach), leckere, eher chansonangehauchte Balladen mit Widerhaken („Glück lebt in unseren Herzen“/Gerd Christian) oder der wahrhaftige Traumtitel „Schicksalstage“, den Komponist/Produzent Andreas Goldmann selbst unter seinem Pseudonym „GOJA“ eingesungen hat – auch so ein Lied mit unverbrüchlicher Ewigkeitsgarantie, obwohl es stilistisch und inhaltlich recht wenig mit allseits gewohnten Schlagerklängen gemein hat, sondern vielmehr im Liedermacher-/Chansonbereich, präzise vermengt mit sachten Bluesuntertönen, anzusiedeln ist.
Ach ja, auch bei erwähntem Titel von Christian Lais, sowie bei UTA BRESANS fetzig-feurigem Urlaubstraum „Ab in den Süden“ war zumindest Heike als Texterin beteiligt, der ein besonderes Lob auszusprechen ist, da sie in ihrer Lyrik stets nachvollziehbare, faszinierende Geschichten erzählt, oft auch tiefsinnigere, philosophische Themen aufgreift und nicht nur zum 179. Male eine misslungene Urlaubsliebe betrauert. Ich wette, daß die „ vermutlich attraktivste deutsche Schlagertexterin“ (© Holger Stürenburg) in nicht allzu ferner Zeit zu den ganz Großen im Business zählen dürfte!

Mit dem eher dem Spektrum Deutschrock zuzuordnenden Popreggae „Amelie“, gesungen von der 21jährigen Münchnerin ANIA JOOLS – die derzeit als kommendes Topthema deutschsprachiger Rockmusik hoch gehandelt wird –, endet eine einfach nur als enorm ausgewogen, vielseitig, nahezu durchwegs mitreißend zu bezeichnende „Bääärenstark!!!“-Koppelung. „Balu“ hat ohne jegliche Zweifel perfekteste Arbeit geleistet. Bei hier analysierter Kompilation kann wirklich jeder zugreifen, der Interesse am Deutschen Schlager in all seinen bunten Facetten hat und auf dem Laufenden bleiben möchte, was diese Stilistik aktuell so alles zu bieten hat. Und für Chronisten, Sammler und Musikgeschichtler stellt die „Bääärenstark“-Reihe ohne seit Jahren absolute Pflicht dar!
Gesamtnote: Bestwertung!
Quelle: Holger Stürenburg, 20./21. August 2009

 

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