Als sich 1981/82 die Neue Deutsche Welle (NDW) anschickte, das einheimische Musikgeschehen vollkommen umzukrempeln, mußten im klassischen Schlagerspektrum neue Wege beschritten werden, um von der NDW nicht gänzlich erdrückt bzw. überrollt zu werden. Der vor (oft aufgesetzter) Fröhlichkeit nur so strotzende Mitklatsch-Schlager der 70er Jahre hatte ausgedient; gesellschaftlicher, wie musikalisch/kultureller Zeitgeist standen gegen Betten in Kornfeldern, Fahrende Musikanten oder Himbeereis in den Morgenstunden.
So entstand das Phänomen des „Neuen Deutschen Romantikschlagers“, das im Zuge der kühlen Dekade für einige unvergessliche Popperlen gut sein sollte. Während z.B. Andy Borg, G.G. Anderson oder Tommy Steiner eher für liebliche 50er-Jahre-Seligkeit im kühlen Synthesizersound standen, verschrieb sich etwa ein Nino de Angelo einer properen Mischung aus melancholischem Synthischlager und durchaus heftigeren Rockexperimenten. Der Pionier in Sachen Rockschlager war jedoch niemand geringeres als der Nürnberger CHRISTIAN FRANKE.
Ende 1981 veröffentlichte dieser den schlageruntypischen Evergreen „Ich wünsch’ Dir die Hölle auf Erden (wenn Du heut gehst)“. Hier dröhnten plötzlich die Gitarren laut los, hämmerte der Synthesizer und kamen lyrische Formulierungen zum Einsatz, die man bislang eigentlich ausschließlich in Deutschrock- oder Liedermachersphären vernehmen konnte.
Die „Hölle“ fand kurz nach der Jahreswende 81/82 schnurstracks den Weg in die deutschen Top 10 und erreichte dort als Bestnotierung den formidablen siebten Rang. Im Mai folgte der sympathische, wiegende Bluespopper „Was wäre wenn…“ als Folgesingle; zeitgleich erblickte das famose Album „Du und ich“ das Licht des Marktes.
Dieser frühe Meilenstein des Neuen Deutschen Romantikschlagers beinhaltete zehn Kompositionen aus der Feder von Uve Schikora und Andrea Andergast, die durchwegs rockig, poppig, fetzig und lyrisch augenzwinkernd daherkamen und mit althergebrachtem Schlagerverständnis nicht mehr viel gemein hatten.
Die grandiose LP wird anno 2009 im Zweite-Hand-Bereich zu höchsten Preisen gehandelt, weshalb ich an dieser Stelle meinen lieben Katalogkollegen bei Ariola (nicht zum ersten Male…) dringlichst anraten möchte, sich endlich (!!!) einer CD-Erstauflage dieses Meisterwerks anzunehmen; ein Konzept hierfür hab ich Euch schon vor knapp zwei Jahren eingereicht… ;)))
Es folgten 1982/83 weitere Singles von Christian, so z.B. der am klassischen 70er-Pop a la „Rubettes“ orientierte Heavy-Schlager „Wenn Du gehst, stürzt nicht der Himmel ein“ (Herbst 1982), „Du bist die Frau, die ich liebe“ (Frühjahr 1983), eine muttersprachliche Auslegung des eingängigen Italo-Pop-Hits „Sei La Sola Che Amo“ von Dario Farina, oder das so traurige, wie melodische Krebsdrama „Wenn ich nicht mehr da bin“ (Herbst 1983). All diese Titel lebten nicht nur von geschilderter musikalischer Neuartigkeit, sondern auch und gerade von Christians prägnanter Kopfstimme, mit der er punktgenau die höchsten Töne traf, was aus seinen Liedern regelmäßig etwas ganz Spezielles werden ließ.
1984 wechselte Christian von der Ariola zur CBS und betörte von nun an die Anhänger des gehobenen Popschlagers mit Klasse Songs, wie der Powerballade „Ewigkeit“ (deutsche Version des ultimativen Mitt-80er-Geheimtips „Angel Eyes“ von Robert Vanguard) oder dem knackigen Synthipopper „Hunger nach Zärtlichkeit“; die dunklen, keyboardbetonten Klangdramen „Ich hab’ nur ein Herz“ (1986) und „In Deiner Hand (Jeder neue Anfang ist ein neues Leben)“ (1988) erschienen dagegen bei Intercord (heute: EMI).
Doch der große Durchbruch wollte dem sympathischen Familienvater nicht so recht gelingen, weshalb sich Christian Ende der 80er entnervt aus der Schlagerszene zurückzog bzw. sich auf die Tätigkeit des Produzierens anderer Künstler konzentrierte.
Nach dem Millennium, startete Christian Franke mit der durchwachsenen CD „Genau wie Du“ ein kleines Comeback, welches aber gründlich misslang; auch eine 2001er-Neuaufnahme seines Erstlingshits „Ich wünsch’ Dir die Hölle auf Erden…“ wurde kaum wahrgenommen.
Vor einigen Wochen jedoch verdichtete sich das Gerücht, Christian würde es 2009 erneut versuchen – ja, und diesmal dürfte es mit dem Teufel zugehen, wenn der dritte Anlauf von Christian Franke nicht endlich zum verdienten Erfolg führen würde.
Der heute 53jährige Sänger, Komponist und Produzent hatte sich nun nämlich unter die Fittiche von Starproduzent David Brandes begeben, der zuletzt mit Christian Lais, Sara-Stephanie oder Simone immense Erfolge feierte – und mit seiner spezifischen Art, zu produzieren und zu arrangieren, klassische Schlagerfreunde ebenso in seinen Bann zieht, wie Musikfans, die ansonsten überwiegend für Pop und Rock schwärmen.
Am 28. August 2009 erschien Christians brandaktuelle Maxi-CD „Geh nicht fort (Guardian Angel)“ bei Davids Label Icezone Music (Vertrieb: UNIVERSAL).
Als ich diesen Titel vor ein paar Wochen vorab hörte, habe ich mich sogleich in ihn verliebt. Dieses wundervolle Liebeslied hat es tatsächlich in sich. Es besticht durch ein wahrhaft perfektes Arrangement, romantisch, sacht düster-nächtlich gehalten, konsequent 80er-orientiert, ohne selbstverständlich auch nur in Nuancen gestrig oder altbacken zu klingen; für die trefflichen Reime zeichneten Produzent David und Lyriklegende Dr. Bernd Meinunger verantwortlich – und Christian selbst trägt mit seiner noch immer vorzüglichen, eindringlichen Stimme bzw. Intonationsweise auf phantastische Weise dazu bei, daß sein neuer Titel einfach ein Hit werden MUSS!
„Geh nicht fort“ ist ein edler, elitärer Ohrwurm per Excellanze. Wenn man diesen Titel einmal gehört hat, kann man ihn nicht wieder vergessen. Es ist zu hoffen, daß Christian hiermit nicht nur die Radiosender diesen unseren Landes durcheinander wirbelt – die Top 3 der Formatradiocharts „konservativ“ wurden bereits erzielt -, sondern auch und gerade in den Verkaufshitparaden punktet.
Er hat es nun endlich (!!!) verdient, an die Spitze des teutonischen Schlagergeschehens zu gelangen – und mit David Brandes fand er einen Mentor, der haargenau auf ihn und seine Qualitäten eingeht; einen Klangzauberer, der seine Schützlinge stets mit Leib und Seele betreut. Zwischen ihn und seine Interpreten passt kein Blatt Papier. Dies ist bei Christian Lais oder Simone so, und so und nicht anders verhält es sich gleichfalls bei Christian Franke.
„Geh nicht fort“ kann bereits jetzt, Ende August, als eines DER absoluten Highlights des Schlagerjahres 2009 bezeichnet werden – ein Lied, das einen einfach dazu zwingt, ihm hemmungslos zu verfallen!
Gesamtnote: Bestwertung!
Quelle: (Holger Stürenburg, 27./28. August 2009)