Ein Girl namens Cindy - Annähernd vier Jahre ist die gelernte Köchin, Hotelfachfrau und Club-Schiff-Animateurin Ilka Bessin alias „Cindy aus Marzahn“ (37) arbeitslos, als sie 2007 - fast wie durch ein Wunder - im Berliner „Quatsch Comedy-Club“ von Pro 7 den Preis als beste Newcomerin erhält.
Diese Ehrung ist insofern bemerkenswert, weil die aufmüpfige „Berliner Schnauze“ so gar nicht ins gewohnte Comedy-Lady-Muster passt. Wie selbstverständlich nimmt das in Tiger-Leggings gezwängte Pendant zu „Germanys Next Top Model“ weder ein Blatt vor den Mund, noch schert es sich um irgendwelche bekloppten Konventionen. Dies praktiziert jenes vorlaute und taffe Girl dann auch eindrucksvoll in ihrem jüngsten Bühnenprogramm „Schizophren – ich wollte ´ne Prinzessin sein!“.
Gleichwohl ist das Erfolgsmodell „Cindy“ nicht bloß Kunstfigur – sondern durchaus auch tragikomisches Abbild einer real existierenden Loser-Göre, die zügellos ihr Innenleben nach außen kehrt, und die nicht selten schon durch ihre Erscheinung für Furore sorgt. Wenn nun die emphatische „Berliner Schnauze“ mit Herz, Hirn und reichlich Hüftgold verbal zur Höchstform aufläuft, knirscht es fürchterlich im Jebälk - denn Cindy findet´s jeil, wenn sie provozieren kann. Cindy ist immer jeradeaus. Cindy will ooch mal lieb sein - aber Cindy kriecht keener klein!
Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn im Interview mit Gerald Block
Block: Hallo Frau Bessin, warum heißt Ihre Figur ausgerechnet „Cindy aus Marzahn“? Sie könnte doch auch wer weiß wie lauten! (zumal es wohl wirklich eine Cindy im Berliner Stadtteil Marzahn geben soll).
Cindy: Ja, sie könnte auch Steffi aus Birkenwerder, Mandy aus Meißen, Sandra aus Suhl, Kiara aus Köln oder Daria aus Düsseldorf und, und, und heißen. „Cindy aus Marzahn“ war einfach der erste Name, der mir einfiel.
Block: Wie sehr waren Sie eigentlich davon überzeugt, dass Sie als pink-schrille Berliner Schnauze bei Menschen ankommen würden?
Cindy: Ich habe mir darüber keine großen Gedanken gemacht, denn wenn man in der Talentschmiede „Quatsch Comedy Club“ debütiert und auch gewinnt, denkt man zunächst nicht daran, dass man irgendwann bei „TV Total“ oder wer weiß wo auftreten wird. Ich wollte einfach aus dem Teufelskreis der Arbeitslosigkeit heraus, und ich wollte endlich wieder einen Job haben, der mir gefällt und der Spaß macht.
Block: Cindy, in Ihrem jüngsten Bühnenprogramm geht’s manchmal deftig zur Sache. So manch ein Spruch landet direkt unter der Gürtellinie. Warum wollen Ihre Zuschauer das hören?
Cindy: Im Allgemeinen sage ich, was ich denke - manchmal vielleicht etwas überzogen. Obgleich: „unter oder über der Gürtellinie! Wer bestimmt diese Regel eigentlich?“ Ich möchte, dass sich in meinem Programm die Menschen herzlich amüsieren. Daher will ich nicht ständig nachdenken müssen, ob ich nun dieses oder jenes äußern darf? Also - wenn es mir scheiße geht, sage ich es!
Block: In Ihrer Show suchen Sie nicht selten den direkten Dialog zum Publikum. Inwieweit kommen Ihnen da Ihre Erfahrungen als ehemalige Animateurin zugute?
Cindy: Das hat mit meiner Club-Schiff-Vergangenheit eigentlich nichts zu tun. Ich habe schon immer das Gespräch gesucht, weil ich mich einfach nur für meine Mitmenschen interessiere. Heutzutage ist das nicht mehr unbedingt der Fall. Wenn du in deiner Wohnung stirbst, merken die Nachbarn es erst, wenn es im Hausflur stinkt. Die Zeit als Animateurin prägte mich zwar, dennoch sage ich´s geradeheraus: „Nie wieder Animation!“ - weil 7 Tage die Woche gute Laune haben müssen, nie Privates haben dürfen, immer Party, immer Spaß - das hält auf Dauer keiner aus.
Block: Aber in Ihrer Show verstehen Sie es ausgezeichnet, beliebig oft zwischen Programm und spontanen Aktionen hin und her zu schalten. Wieso?
Cindy: Weil ich einfach nur Lust verspüre, mich mit den Gästen, die zu mir in die Show kommen, zu unterhalten.
Block: Und wie kamen Sie zu dem bizarren Schriftzug „Alzheimer Bulimie“ auf Ihrem lila Sweatshirt?
Cindy: Oliver Pocher erwähnte diese Begriffe mal in einer TV-Sendung. Und - wie der Zufall so spielt - traf ich ihn irgendwann. Ich fragte ihn direkt, ob ich „Alzheimer Bulimie“ für mein Programm verwenden dürfe. Er: „kein Problem“. Das veranlasste mich immerhin, den Spruch um: „...ich fresse den ganzen Tag und vergesse abends zu kotzen“ zu erweitern.
Block: O.K. Wer auf der Bühne Menschen den Spiegel vorhält (O-Ton Cindy: „...ihr habt die schmutzjen Jedanken...!“), sie bespaßt, gelegentlich bloßstellt und sie begeistert, besitzt Macht. Wie gehen Sie eigentlich damit um?
Cindy: Ich bin mir dieser Macht nicht bewusst - hätte sie aber manchmal gern, um andere vor Bösem zu bewahren. Ich würde so vielen, die andere verletzten, in den Hintern treten wollen. Aber ich weiß: das, was man anderen Böses antut, kommt irgendwann - wie ein Bumerang - wieder zurück.
Block: Cindy, wenn Sie von der „Agentur für Arbeit“ bzw. dem ehemaligen Arbeitsamt reden, könnte man glauben, Sie haben dort Traumatisches erlebt. Ist das so?
Cindy: Ja, ich erlebte: überforderte Mitarbeiter, Stellenangebote, die völlig daneben waren und unerträgliche Wartezeiten. Ehrlich gesagt, empfand ich oft Mitleid mit den Arbeitsvermittlern. Aber das Schlimmste, was ich in dieser Agentur erfahren musste, waren Ignoranz und die mangelnde Bereitschaft, Menschen eine Chance zu geben. Als ich nach meinem Gewinn im „Quatsch Comedy Club“ Mittel für eine Eingliederungshilfe beantragte, bekam ich von meiner persönlichen Arbeitsvermittlerin folgendes zu hören: „Diese Hampelei finanzieren wir nicht...!“ Also - liebe Mitmenschen - legt doch mal eure Scheuklappen ab, dann erweitert sich euer Blickwinkel ungemein.
Block: Jemand hat mal gesagt: „Comedy ist Fast-Food-Komik: Eine Menge nutzloses Zeug, wenig Geistreiches und an jeder Ecke zu haben. Dennoch wollen es Menschen immer wieder konsumieren!“ Haben Sie eine Erklärung dafür?
Cindy: Wer ist eigentlich dieser „J E M A N D !?“
Block: Kennt die Comedy-Newcomerin „Cindy aus Marzahn“ so etwas, wie die „Angst der Torfrau vorm Elfmeter“?
Cindy: Sie stellen ja Fragen. Angst habe ich immer, die muss man auch haben – sonst läuft man in Gefahr, oberflächlich zu werden. Und wenn man oberflächlich ist – wird man leichtsinnig. Und wenn man leichtsinnig ist - passt man nicht mehr auf. Und das ist überhaupt nicht gut.
Block: Würden Sie uns aus dem Stegreif drei absolute Schwächen bzw. Stärken preisgeben?
Cindy: Oh Gott! Das ist ja wie bei einem Bewerbungsgespräch - wie ich das immer gehasst habe ... Wichtig ist, Schwächen und Stärken niemals preis zugeben – weil sie immer gegen einen selbst verwendet werden.
Block: Cindy, auch wenn Sie nicht über Schwächen bzw. Stärken reden möchten, lässt es sich dennoch nicht verheimlichen, dass Sie 2007 zum Comedy-Shootingstar avancierten und dass Sie dafür den Deutschen Comedypreis als „Beste Newcomerin“ erhielten. In den Medien sind Sie zurzeit ‚en vogue‘. Hat das Ilka Bessin verändert?
Cindy: Nein. Ich denke nicht, dass ich mich irgendwie verändert habe. Außerdem sorgen meine Eltern und meine Freunde schon dafür, dass ich nicht abhebe.
Block: Wenn „Cindy aus Marzahn“ irgendwann nicht mehr zieht - muss dann Ilka Bessin (Cindys Entdeckerin) auf die rote Couch oder können wir uns auf eine neue Kreation gefasst machen?
Cindy: Wer weiß denn schon wirklich, was die Zukunft bringt? Warten wir´s doch einfach mal in Ruhe ab.
Vielen Dank für das Interview.
Interview: © Gerald Block
Mehr zu Ilka Bessin alias „Cindy aus Marzahn“ unter: http://www.cindy-aus-marzahn.de/
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