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Dr. Feelgood - 03. Februar 2010 – Hamburg – Downtown Bluesclub von Holger StürenburgDer Blues lebt!!! – auch anno Domini 2010 erfreut sich diese schon so oft totgesagte Musikrichtung bester Gesundheit. Dazu leistet seit inzwischen knapp 40 (!) Jahren ein ums andere Mal das britische Quartett „DR. FEELGOOD“ keinen unerheblichen Beitrag. Trotz vieler Karriererückschläge, zig Mitgliederwechsel, dem viel zu frühen Tod des Gründungsvaters der Band und langjährigen Leadsängers Lee Brilleaux am 07. April 1994, einem der brillantesten und überzeugendsten Bluesshouter, den die Rockszene Großbritanniens jemals hervorgebracht hatte, einer daraus resultierenden, mehrjährigen Pause, haben sich die vier Bluesheroen immer wieder aufgerappelt und begeistern ihre weiterhin zahlreich vorhandenen Fans, gerade in der BR Deutschlands, regelmäßig mit feurigen Livekonzerten und kochenden Bluesorgien. So geschehen am vergangenen Mittwoch, dem 03. Februar 2010, im Hamburger „Downtown Bluesclub“, einem urigen Rockkeller im vornehmen Landgasthof Walter, am Rande des hiesigen Stadtparks. Rund 300 überwiegend reifere Freunde von „Dr. Feelgood“ hatten, trotz grausamsten Glatteises und eines ekelhaften nasskalten Winterwetters, den Weg in Richtung Stadtpark gefunden. Die meisten Anwesenden dürften schon seit langer, langer Zeit Fan des Blues-Vierers aus Southend vor der Küste der Grafschaft Essex sein; sie sangen alle Titel – ob Eigenkompositionen aus der Brilleaux-Ära oder altehrwürdige Fremdtitel von Muddy Waters, Elmore James oder Bo Diddley und Co. – Wort für Wort mit; ein Beinhart-Anhänger hatte zu Ehren der Truppe sogar eine Torte in Form des Bandlogos gebacken und dem sichtlich so überraschten, wie gerührten neuen Sänger und Mundharmonikaspieler Robert Kane überreicht, der seit 1999, als sich „Dr. Feelgood“ neu formierten, das schwere Erbe von Lee Brilleaux antrat. Dieses Erbe würdig zu bewahren, meisterte der, trotz seiner unbemerkbaren 56 (!!!) Jahre, konsequent jugendlich-agil wirkende Kane übrigens äußerst gekonnt. Er kopiert Großmeister Brilleaux nicht einfach, fügte statt dessen den allseits bekannten Songs stimmlich deutlich erkennbare, neue Akzente hinzu, vermochte es aber dennoch, eine ähnliche, radikale Intensität im Rahmen seiner Intonation an den Tag zu legen, wie einst sein legendärer Vorgänger Lee. Gitarrist Steve Walwyn, seit 1989 fester Mitstreiter bei „Dr. Feelgood“, zeigte sich als packender Virtuose an E- und Slide-Gitarre; Schlagzeuger Kevin Morris, der, wie Bassist Phil Mitchell, dem ruhenden Pol der Band, 1983 seinen „Doktortitel“ im Fachbereich der Vermittlung ‚positiven Fühlens’ erwarb, hämmerte einen nicht zu starken, lauten, aber durchwegs verantwortungsbewusst straighten und radikal treibenden Rhythmus auf seinem Instrument, der durchaus eine gewisse Punk-Attitüde vermittelte. Kein Wunder, setzten die ersten kommerziellen Erfolge von „Dr. Feelgood“ auch just zu demjenigen Zeitpunkt ein, als 1976/77 die frühen Punkbands das britische Establishment in Angst und Schrecken versetzten. Folglich verbinden Robert Kane und seine Combo seit Bestehen klassischen, traditionellen, oft US-amerikanisch geprägten Blues und Bluesrock mit der rüden, schnellen Ausdrucksform des urbritischen 77er-Punks. So besitzen die vier Vollblutmusiker aus GB die geradezu magische Fähigkeit, irgendwelche Bluestraditionals, die nicht selten in ihrer Urform aus den 20er, 30er, 40er Jahren stammen, wie gleichsam ihre eigenen Kreationen (die natürlich durchwegs von den unverbrüchlichen Klassikern der Vorzeit inspiriert sind) bei jedem ihrer Konzerte in einer derart frischen, intensiven Form herüberzubringen, hinsichtlich derer man jederzeit denken könnte, die entsprechende Nummer sei soeben erst geschrieben worden. Wie dem auch sei: Der „Downtown Bluesclub“ erbebte am vergangenen Mittwoch in bester Form; seine Insassen wurden eingeladen, eine fröhliche, spritzige Blues/Rock-Party zu feiern – was sich die Fans auch nicht zweimal sagen ließen, sondern ihre Helden vielmehr bereits bei deren „Einzug“ auf die kleine Bühne des urgemütlichen Rockschuppens zu Hamburg-Winterhude frenetisch bejubelten. Kurz darauf, startete ein deftiges Bluesrock-Feuerwerk, fast ausschließlich bestehend aus drallen, temporeichen, dabei stets prägnanten, wie schnörkellosen Bluesrockern auf Gitarrenbasis, verfeinert durch den häufigen Einsatz von Robert Kanes höllisch heißem Mundharmonikaspiel.
Das aus rund 25 Songs zusammengesetzte Konzertrepertoire bestand aus einer mehr als nur ausgewogenen Mischung aus Eigenem und Fremdem, wobei die kleine, aber feine Hit-Phase von „Dr. Feelgood“ in den späten 70ern spürbar im Vordergrund stand. „She does it right“, „Roxette“ (immerhin derjenige Song, nachdem sich das bekannte schwedische Popduo von Per Gessele und Marie Fredriksson seinerzeit benannte), “Baby Jane” (nicht identisch mit Rod Stewarts gleichnamigem 1983er-Welthit) und weitere Bluesrock-Kleinode aus der Pubrock-Hochzeit der zweiten Hälfte der 70er, aber auch der rasende 1994er-Livereißer “If my Baby quits me”, brachten das Publikum in ihrer positiven Rohheit, ihrer offensiven Authentizität und ihrer Erdigkeit und Bodenständigkeit im Eiltempo aus dem sprichwörtlichen Häuschen. Es folgten Bo Diddleys nervöser, zickiger 1956er-Großstadtblues „Who do you love“ und der einzige reale Tophit für “Dr. Feelgood“ in unseren Breitengraden, der kraftvolle, sacht anarchische Bluespunk „Milk & Alcohol“, im April/Mai 1979 ein verdienter Top-30-Erfolg in den offiziellen deutschen Singlecharts der „Media Control“. Der teils selbst geschriebene, teils vom drögen, tieftraurigen Mississippi-Bluesschleicher „Down in Mississippi“ („Omar & the Howlers“, aus deren 1988er-LP „Wall of Pride“) beeinflusste Slowblues „Down by the Jetty“ erwuchs sehr schnell zu einem frühen Höhepunkt des diesjährigen Auftritts von „Dr. Feelgood“ in Hamburg-City. Robert Kane brillierte in dieser nachdenklichen, melancholischen Geschichte über die Eintönigkeit von Industriehafen und Strand von Canvey Island, dem ursprünglichen Gründungsort der Band, mit einem ellenlangen Solo auf der Bluesharp; Gitarrist Steve Walwyn bearbeitete sein Instrument ebenfalls mindestens in einer Dauer von zehn Minuten plus; teils stand er alleine auf der Bühne und entlockte seiner E-Gitarre die wildesten, höchsten, einfach nur faszinierendsten Töne, während seine drei Kollegen in Ruhe hinter der Bühne verschwanden. Genau DIES – und nichts anderes! - ist der reale, echte, unverwechselbare Blues!!! Daran anschließend, hing sich Steve die Slide-Gitarre um und los ging es mit einem Titel von Blueslegende Elmore James. Doch nicht, wie bislang zumeist bei „Dr. Feelgood“-Aufwartungen mit „Dust my Broom“ (erstmals veröffentlicht auf der 1986er-LP „Mad Man Blues“ und seitdem Standard im Liveprogramm der Band), sondern vielmehr mit einer anderen Komposition des Urvaters des Chicago Blues namens „I can’t hold out (Talk to me Baby)“, die die meisten von uns von Eric Clapton aus dessen Bluesrock-Meilenstein „461 Ocean Boulevard“, 1974 erstveröffentlicht, kennen. Da die „Gutfühlenden Doktoren“ den knalligen Song bei weitem nicht so poppig arrangierten, wie Kollege Eric seinerzeit, sondern sich in ihrer Interpretation recht nahe an das Original von Elmlore James hielten – das „Dust my Broom“ von jeher sehr ähnlich klang –, entschädigte die Integration von „I can’t hold out“ in die aktuelle Setlist absolut für das Fehlen desjenigen Bluestraditionals, das den Verfasser dieser Zeilen nun auch schon seit Frühjahr 1985 durchgehend begleitet und denselben bislang sehr, sehr oft zu eigenen Blueskompositionen im ähnlichen Stil angeregt hat. Alles bewegte sich nun schnurstracks in Richtung „Grande Finale“ – die vier strahlenden und gleichermaßen verschwitzten Musiker legten gegen Ende des knapp eineinhalbstündigen Gastspiels in der Hansestadt nochmals so richtig los: „Back in the Night“ (1975), das vom zeitweiligen Bandgitarristen Wilko Johnson verfasste, durchaus programmatisch aufzufassende „Going back Home“ (dito), „99 and a half“ (1977) und das ebenfalls von Johnson ersonnene, radikal ultrarasante Bluespunk-Epos „Lights out“ (1977, Single-B-Seite des GB-Hits „Sneakin’ Suspicion“) bereiteten die tanzwütigen, lauthals singenden/grölenden Fans darauf vor, daß in Bälde im „Downtown Bluesclub“ die Lichter wahrhaftig angingen und die Show tatsächlich und unwiderruflich beendet sei. Dies ist Robert Kane und den Seinen zweifellos in ganz phantastischer Manier gelungen; so wie der gesamte Abend einfach nur als phänomenale Aufarbeitung des traditionellen Blues im aktuellen Sound bezeichnet werden kann. „Dr. Feelgood“ präsentieren niemals etwas umwerfend Neues, wenn sie Jahr um Jahr ihre Freunde mit ihren schwitzigen Liveauftritten beglücken. Sie hauchen dem Blues immer wieder neues Leben ein, dienen ihm als fundamentaler Jungbrunnen und sorgen pausenlos und mit viel Spaß an der Sache, von immenser Spielfreude beseelt, ohne jemals in Routine zu verfallen, für ein dauerhaftes, zünftiges Bluesrevival. Weitere Tourtermine unter: |
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