Nena's "Neue Schule Hamburg" - ein "demokratisches Schulmodell" mir Schülerselbstbestimmung

Irgendwie, irgendwo, irgendwann ....wird auch mal gelernt! So titelt (in Anlehnung an ihren Hit) inhaltlich eine Tageszeitung und macht sich ein wenig über die Sängerin Nena und ihr neues Schulprojekt lustig. Tatsächlich möchte Nena, nach dem Ansatz des Sudbury-Schulmodells, eine basisdemokratische Schule in Hamburg-Rahlstedt aufmachen, in der der Schüler im Mittelpunkt steht. "Schuster bleib bei deinem Leisten" oder "Auf zu neuen Ufern"? Der Schauspieler, Serienstar und Vater zweier heranwachsender Töchter, Till Demtroeder würde seine Kinder nicht bei Nena einschulen!  

Herr Demtroeder, in Ihrer Nachbarschaft eröffnet die Sängerin Nena ihre „Neue Schule Hamburg“. Sie werden also bald viele Kinder in Ihrer Gegend haben! Abgesehen davon, hat diese Schule besondere pädagogische Ansätze. Da Sie selbst Vater zweier heranwachsender Töchter (Valerie 16 / Natalie 11) sind, werden Sie eigene erzieherische Erfahrungen gemacht haben. Was halten Sie von Nenas pädagogischem Konzept und folgenden Ideen?

These 1: „Lehrer und Schüler sind gleichberechtigt“

TD: Traumwelt! Ich denke, das wird auf  Kosten der Schüler gehen, obwohl ich begeistert wäre, wenn so etwas funktionieren würde! Vor allem möchte ich an dieser Schule kein Lehrer sein!

These 2: „Die Schüler entscheiden das Lerntempo“

TD: Ist mir ein Rätsel, wie das klappen soll. Schüler haben nicht den Blick auf das Wesentliche und wenn ich Kind wäre, würde ich mein Lernpensum soweit wie möglich herunter schrauben.

These 3: „Regeln werden von Schülern und Lehrern gemeinsam beschlossen“

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TD: Das ist eigentlich das Einzige, was mir gefällt. Allerdings kommt es auf die Regeln an, die dort beschlossen werden. Bin gespannt, ob Lehrer und Schüler eine demokratische Einigung erzielen werden, denn Regeln sind nicht immer angenehm!

Was für eine Schulausbildung haben Sie?

TD: Ich habe das Gymnasium besucht. Das war schon ein demokratisches Gymnasium mit Schülermitbestimmung, aber die Regeln waren vorgegeben und wurden von den Lehrern durchgesetzt. Eine schöne Schulzeit, auch wenn sie „bestimmt“ war.

Wie wurde dort gelernt?

TD: Klassisch nach Lehrplan, Hausaufgaben und einem gewissen Druck. Anders hätte es auch bei mir nicht funktioniert. Ohne den Druck der Schule und den meiner Mutter hätte ich mein Abi nicht geschafft.

Halten Sie eine gute Schulausbildung heutzutage für wichtig?

TD: Die Basis des Lebens ist eine gute Bildung. Ohne gute Schulausbildung hat man auf dem heutigen Arbeitsmarkt absolut keinen Chance mehr.

Was finden Sie am heutigen Schulsystem schlecht?

TD: Ich denke, dass mit der reformierten Oberstufe, dem Herabsetzen auf zwölf Schuljahre bis zum Abi, der Druck für die Schüler noch erheblich gestiegen ist. Ich bezweifle, ob dieses gnadenlose Streichen und die nötigen Sparmaßnahmen den Bildungsstandard gerecht werden.
Aber grundsätzlich finde ich unser Schulsystem gut. Wer wirklich will und leistungsorientiert ist, hat in diesem System alle Chancen. Das ist hier, im Vergleich zu anderen Teilen dieser Welt, ein Luxusangebot an Bildungsmöglichkeit. Selbst den Schwächsten wird unter die Arme gegriffen, keiner muss durch dieses System durchfallen!

Wie bekommen Sie Ihre Töchter an die Schularbeiten?

TD: Ich bin der eher autoritäre und konservative Vater. Das hat bei mir genützt, ich hoffe, dass das auch bei meinen Töchtern klappt. Ich stecke ja mitten in diesem Prozess drin und versuche sie zur Leistung zu motivieren.

Wie machen Sie das?

TD: Wie gesagt, mit Druck und Disziplin. Das allerdings auch in Verbindung mit Freude am Lernen. Ich versuche Praxisbezüge herzustellen, beispielsweise das Erlernen von Fremdsprachen mit Urlaub zu verbinden. Wir sprechen dann im Urlaub auch möglichst viel die Fremdsprache. Kinder müssen das Erlernte auch anwenden können, um den Sinn dessen zu begreifen. Das macht vieles einfacher.

Wofür ein Jugendlicher jedoch auch ein wenig Selbstdisziplin aufbringen muss. Er kann doch nicht nur fremd gesteuert sein?

TD: Richtig! Selbstdisziplin ist wichtig und genau an diesem „Projekt“ bin ich gerade bei meinen Töchtern angekommen. Ich versuche meine Erfahrung zu vermitteln, führe Gespräche und es funktioniert mal mehr, mal weniger. Bei „weniger“ muss dann der unterstützende pädagogische Druck kommen, den ich bei Nenas Konzeptschule vermisse. Natürlich sehe ich auch mich selbst in diesem Prozess immer wieder kritisch! Der Satz, den ich bei meinen Eltern früher am meisten hasste, kommt heutzutage über meine eigenen Lippen: „Du tust es nicht für mich“.

Sie engagieren sich auch pädagogisch für ein kontrolliertes Internet. Gerade dort lauern viele Risken...

TD: Genau aus dem Grund können Kinder gar nicht voll selbst entscheiden, was gut für sie ist. Gerade im Internet, mit dem die Kinder aufwachsen und mit dem sie auch arbeiten müssen, ist eine Kontrolle durch Erwachsene nötig. Sie müssen lernen Gutes von Schlechtem zu unterscheiden und Werte, Moral, Ethik begreifen. Natürlich vertraue ich auch auf den Selbstentscheid meiner Töchter und stehe nicht ununterbrochen hinter ihnen. Ich lasse sie Medien experimentieren, achte jedoch auf Dosierung und Inhalte. Das müssten eigentlich auch die Lehrer an Nenas Schule machen, wobei man sich als Erwachsener natürlich „erklären lassen kann“, was die Kids im Netzt machen. Die gemeinsame Beschäftigung mit dem Internet wird damit zur indirekten Kontrolle.

Haben Sie Fehler in der Erziehung Ihrer Töchter gemacht?

TD: Ich bin mitten drin, diese Fehler zu machen! Schließlich bin auch ich nicht perfekt und das erste Mal Vater einer 11 und 16jährigen! Ich versuche an meinen Fehlern zu lernen, jedoch bleibe ich meinem Grundprinzip treu: Resultate sind wichtig! Auch wenn man sich mit dem Durchsetzen die momentane Sympathie des Kindes verscherzen kann, zählen sie an erster Stelle! Ob das richtig ist und funktioniert, wird die Zukunft zeigen.

Was haben Sie richtig gemacht?

TD: Ich versuche „Spaß am Lernen“ zu vermitteln und habe eine intensive Verbindung zu meinen Kindern. Ich biete meinen Töchtern viel an und sorge für Aufgaben. Wer viel zu tun hat, kommt nicht auf dumme Gedanken.

Da würden die Schüler von Nena aber aufmucken, wenn man ihnen ein „Programm“ vorsetzt. Würden Sie Ihre Töchter auf Nenas Schule geben?

TD: Ein definitives Nein! Trotzdem wünsche ich Nena mit ihrem Schulprojekt viel Erfolg und hoffe für sie und die Kinder, dass es aufgeht! Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, aber abgerechnet wird zum Schluss! (TD fügt schmunzelnd hinzu:) Vielleicht entwickeln sich da ganz tolle soziale Menschen, die wenig wissen?

Vielen Dank für dieses Interview! 

 

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