„Ich bin ein bisschen wie Beethoven!“ Nigel Kennedy spielt Violinkonzerte von Beethoven und Mozart

Kennedy und Mozart: Das gab es noch nie. „Ich hatte keinen Grund, mich mit Mozart zu beschäftigen“, sagt Nigel Kennedy, und das ist für ihn Grund genug, es zu lassen. Mozart-Jahr, Publikumswünsche, Projektplanungen der Plattenfirma hin oder her. Jahrzehntelang hat Kennedy Mozarts Noten buchstäblich nicht angerührt. Und jetzt: Seine erste Aufnahme eines Mozart-Konzerts, gekoppelt mit dem Violinkonzert von Beethoven. Und Kennedy wäre nicht Kennedy, hätte er nicht in den vertrauten Stücken für so manche Überraschung gesorgt!

Biographie Nigel Kennedy

Biografie
Nigel Kennedy (Violine)

Im Alter von sieben Jahren erhielt Nigel Kennedy das allererste Stipendium, das von der Yehudi Menuhin School vergeben wurde, bevor er mit 16 Schüler von Dorothy DeLay an der Juilliard School of Music in New York wurde. Wiederholt erhielt Kennedy aber auch beim Meister der Jazz-Geige, Stéphane Grappelli, Unterricht in Jazz-Improvisation. Seit mehr als 20 Jahren gilt Kennedy als einer der weltweit führenden Geigenvirtuosen. Seine sensationelle Einspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ fand mit mehr als drei Millionen weltweit verkauften Exemplaren als meistverkauftes Klassik-Album Eingang ins Guinness-Buch der Rekorde. Der wandlungsfähige Künstler versteht sich als Grenzgänger zwischen verschiedensten Musikstilen. Seine einzigartige musikalische Begabung und seine sprühende Energie haben sowohl dem klassischen als auch dem zeitgenössischen Repertoire neue Impulse verliehen und einen wichtigen Beitrag zur Aufhebung der Trennung zwischen U- und E-Musik geleistet. Seit seinem sensationellen Konzert-Debüt mit Mendelssohns e-moll-Violinkonzert 1977 in der Londoner Royal Festival Hall mit dem Philharmonia Orchestra unter Riccardo Muti tritt Kennedy als einer der gefragtesten Geiger seiner Generation in der ganzen Welt auf.
Seit 1980 arbeitet Kennedy regelmäßig mit den Berliner Philharmonikern zusammen und hat inzwischen mit fast allen renommierten Orchestern und bedeutenden Dirigenten gespielt. Kennedy gibt außerdem regelmäßig Konzerte mit kleineren Ensembles und Kammermusik-Partnern: So wurde im Mai 1998 sein Arrangement von Jimi Hendrix’ „Concerto in Suite Form“ für Bläser- und Streichquartett von dem von ihm gegründeten Ensemble „The Kennedy Collective“ uraufgeführt. Im Frühjahr 1998 fand eine Duo-Tournee mit dem berühmten Cellisten Lynn HarrelI statt, deren Erfolg die beiden Musiker im April 2000 u.a. auch im Rahmen der Musik-Triennale in Köln auftreten ließ. 1999 sorgte ein Auftritt Kennedys in Belgrad für Schlagzeilen: Als erster westlicher Künstler nach dem Kosovo-Krieg gab er dort im Juni ein restlos ausverkauftes Konzert mit Werken von Bach und Bartók.
So vielfältig wie seine Konzertprogramme ist auch seine mehrfach ausgezeichnete Diskographie: Außer der legendären „Jahreszeiten“-Aufnahme etwa die Violinkonzerte von Elgar und Sibelius (mit Sir Simon Rattle), Brahms (mit Klaus Tennstedt), Tschaikowsky (mit Okko Kamu), Mendelssohn sowie Bruch (mit Jeffrey Tate) neben Eigenkompositionen auf der CD „Kafka“, Arrangements von Jimi Hendrix-Werken und einem Recital-Album mit Kompositionen des berühmten Geigenvirtuosen Fritz Kreisler. Außerdem tritt Kennedy auf Alben anderer Stars, z.B. bei Kate Bush, auf.
Für sein 1999 bei EMI Classics veröffentlichtes Album „Classic Kennedy“, populäre virtuose Stücke für Violine und Orchester wurde Kennedy mit einem „ECHO Klassik 2000“ als Instrumentalist des Jahres ausgezeichnet, diese Auszeichnung wurde ihm auch 2001 verliehen. Im selben Jahr erhielt er einen renommierten „Classical Brit Award“ als „Male Artist of the Year“. Die Veröffentlichung der großen Bach-Tournee 2000 durch Deutschland mit dem Berliner Philharmonischen Bach Collegium (Mitglieder des Berliner Philharmonischen Orchesters) auf EMI Classics hielt sich über ein Jahr in den deutschen Klassik Charts. Und das Abschlusskonzert der folgenden Deutschland-Tournee wurde im Mai live im Internet übertragen.
Zu Kennedys 25-jährigem Konzertjubiläum veröffentlichte EMI Classics 2002 seine „Greatest Hits“. Kennedy ist damit der erste Klassik-Künstler überhaupt, der ein Greatest-Hits-Album veröffentlichte. Komplett ausverkaufte und umjubelte Greatest-Hits-Konzerte gab Kennedy in Hamburg und in Köln im Rahmen einer Herbsttournee. 2002 ehrte die Deutsche Phono-Akademie Kennedy mit dem ECHO Klassik-Sonderpreis „Ambassador of Music“ als Vermittler zwischen den musikalischen Welten. Auch unter den Preisträgern des „ECHO Klassik 2005“ war Nigel Kennedy mit seiner CD „The Vivaldi Album Vol.2“ wieder vertreten.
Mittlerweile hat Polen einen festen Platz im künstlerischen sowie Privatleben Kennedys. Er spielt dort regelmäßig mit der Klezmergruppe Kroke (jiddisch für „Krakau“); ihr gemeinsames Album „East meets East“ erschien im Juni 2003 und fand sofort Eingang in die deutschen Pop-Charts. Zusätzlich zu seiner Arbeit und seinen Tourneen mit Kroke wurde Kennedy kürzlich zum Künstlerischen Leiter des Polish Chamber Orchestra ernannt, eine Position, die einst sein Lehrer und Mentor Yehudi Menuhin bekleidete. Die gemeinsame Herbsttournee 2002 durch englische und deutsche Musikzentren war äußerst erfolgreich.
2003 ging Kennedy wieder mit einem außergewöhnlichen Projekt auf Europa-Tournee: eine faszinierende Hommage an zwei Ikonen ganz unterschiedlicher musikalischer Genres, Johann Sebastian Bach und Miles Davies. Rechtzeitig zum Start der Vivaldi-Tour (Oktober 2003) erschien das neue Vivaldi-Album, das nach 14 Jahren eine Neuaufnahme der „Vier Jahreszeiten“ sowie weitere Violinkonzerte von Vivaldi brachte. Musikalische Partner Kennedys sind hier Daniel Stabrawa (Violine) sowie die Berliner Philharmoniker. Diese CD erreichte auch die deutschen Pop-Charts und besetzte Monate lang einen der vorderen Plätze der deutschen Klassik-Charts. Eine Fortsetzung der sehr erfolgreichen Tour „The Vivaldi Experience“ folgte im Dezember 2004.
Mit „Inner Thoughts“ legte Kennedy im September 2005 eine CD mit langsamen Sätzen aus Violinkonzerten von Bach bis Elgar vor. Im November 2005 hat Nigel Kennedy sich einen lang gehegten Kindheitswunsch erfüllt: begleitet von einigen Top-Musikern der internationalen Jazz-Szene nahm er sein erstes Jazz-Album „Blue Note Sessions“ auf, das beim Label Blue Note im Juni 2006 veröffentlicht wurde. (Weitere Infos dazu auch unter: www.kennedyjazz.com)
Vor dem Ausflug in Jazz-Gefilde hatte Kennedy im Sommer 2005 in der südfranzösischen Stadt Carcassone wieder einmal mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und dessen Konzert für zwei Violinen RV 507 begeistert. Das Konzert, das Kennedy mit dem polnischen Kammerorchester in der mittelalterlichen Zitadelle gab, wurde von EMI Classics live mitgeschnitten und erschien im Oktober 2006 auf DVD. Ebenfalls auf DVD war im Oktober 2005 bereits „Kennedy Plays Bach“ veröffentlicht worden – der Live-Mitschnitt einer Irland-Tournee mit dem Irish Chamber Orchestra. Auf CD sowie als DVD-Video-Album ist im Oktober 2007 ein „Polish Spirit“ betiteltes Album erschienen mit u.a. Emile Mlynarskis zweiten Violinkonzert – Kennedy wird hier wieder vom Polish Chamber Orchestra begleitet.
Als nächste Veröffentlichung ist im März 2008 ein Album mit Beethovens Violinkonzert, Mozarts Violinkonzert Nr.4 und Horace Silvers „Creepin’ In“ gelant. Nigel Kennedy (Violine & Leitung des Polish Chamber Orchestra) lässt beim Mozart Violinkonzert seine Jazz-Erfahrungen einfließen und spielt das beliebte Werk gleich auf zwei Geigen: seiner kostbaren Guarneri-Geige und zwei eigene Kadenzen auf seiner Violectra Elektrogeige. So eröffnen sich wieder einmal aufs Schönste Klangbereiche zwischen Klassik, Jazz, Pop und freier Improvisation.
Nigel Kennedy ist mit seiner langjährigen polnischen Partnerin Agnieszka verheiratet. Mit ihr und seinem Sohn Sark aus erster Ehe lebt er abwechselnd in Krakau, London und Malvern. Kennedy spielt auf einer Guarneri-Geige von 1735 und ist Fan vom Fußball-Club Aston Villa.
Stand: Januar 2008
www.nigelkennedy.de

In Musikerkreisen wird ja gerne von Grenzüberschreitungen gesprochen – aber nur sehr wenige können damit wirklich überzeugen. Einer davon ist der englische Geiger Nigel Kennedy: Seit über zwanzig Jahren macht er als „Geigen-Punk“ von sich reden, er gilt als erfolgreichster Interpret des Barockmeisters Antonio Vivaldi, er spielt Bach und Jimi Hendrix, Fritz Kreisler und die Doors, Elgar und Duke Ellington. Nach Klassikauftritten geht er, Vollblutmusiker durch und durch, nicht ins Hotel, sondern begibt sich auf Touren durch jeweils ansässige Jazzclubs. Erst kürzlich überraschte Kennedy nicht nur das Publikum, sondern auch die Musikwissenschaft, indem er fast vergessene spätromantische Violinkonzerte aus Polen aufnahm. Und trotz dieser atemberaubenden Vielfalt, dieser vielen Facetten und Nischenausleuchtungen in seinem Repertoire findet  er immer wieder neue Lücken, die es zu schließen gilt. Und den ganz großen Schlachtrössern der Geigenliteratur nähert er sich auch nach Jahren neuer Perspektivgewinnung gerne ein zweites Mal. So jetzt geschehen mit Beethovens Violinkonzert, das Kennedy mit einem Komponisten koppelt, den er erst vor kurzem für sich selbst entdeckt hat und nun zum ersten Mal aufnahm: Wolfgang Amadeus Mozart. Auch bei dieser Aufnahme arbeitet Kennedy mit dem polnischen Kammerorchester zusammen, dem er seit 2002 als Künstlerischer Leiter vorsteht.

Der alte Beethoven war „zu romantisch“

1992 hat Kennedy Beethovens Violinkonzert das erste Mal eingespielt. Am Pult stand damals Klaus Tennstedt. Diese Zusammenarbeit würdigt der Geiger nach wie vor als eines der größten künstlerischen Erlebnisse in seiner Karriere. Aber diese Aufnahme wertet Kennedy heute als „zu romantisch“, „zu langsam“ – „leidenschaftlich, aber mit einem zu großen Anteil an Ausdehnung“. Der Beethoven von heute, den er jetzt, 15 Jahre später, mit dem polnischen Kammerorchester als Solist und Dirigent vorlegt, besitzt viel von dem, was der Künstler in all den Jahren bei seinen Grenzüberschreitungen gelernt hat: Weniger romantisch, dafür rhythmisch-impulsiv kommt das Konzert daher, taufrisch und unverbraucht, vital und revolutionär. So sehr ihm Beethoven immer im Blut lag, so weit war Kennedys Weg zu Mozart: Er spielte die Werke dieses Komponisten natürlich während seiner Ausbildung (unter anderem bei Lord Yehudi Menuhin), doch dann blieben die Mozart-Noten Jahrzehnte in der Schublade. „Ich bin nicht wie er“, sagt Kennedy heute. „Mir fällt nichts leicht. Ich muss für meine künstlerischen Ergebnisse lange kämpfen, meine Musik beinhaltet eine Menge Arbeit. Und in dieser Beziehung bin ich mehr wie Beethoven, auch wenn das natürlich großspurig klingt.“

 … und plötzlich öffnen sich Klanglandschaften

Dass Mozart in Kennedys Leben doch noch eine Rolle spielen sollte, kündigte sich auf ganz ungewöhnliche Weise an: Der Geiger gab seinem Sohn Sark als dritten Vornamen den Namen „Amadeus“: „Ich ahnte schon, dass meine Liebe zu diesem Komponisten wachsen würde.“ Jetzt war es Beethoven, der Kennedy zu Mozart führte: „Meine Liebe, Beethoven zu spielen, eröffnete mir den Weg zu ihm.“ Wer die Einspielung hört, wird verblüfft sein: Kennedy gelingt es, Mozart als echten Beethoven-Vorläufer herauszukehren. Als Querkopf und Revolutionär, als freches, aber hochbegabtes enfant terrible. Mozart schlägt hier die Brücke von Kennedys Favoriten Vivaldi zu Beethoven, was man nicht nur an Kennedys Stil, sondern auch an so manchen künstlerischen Details erkennt: etwa an der Verwendung des Continuo-Cembalos im Orchester.

Die Kadenz auf der E-Geige soll die Herzen öffnen

Kennedy hat unter Mozarts fünf Violinkonzerten mit dem Werk in D-Dur KV 218 das berühmteste ausgewählt – und auch hier erlaubt sich der Geiger eine Grenzüberschreitung: Er spielt zusammen mit dem Kontrabassisten Michal Baranski eine eigene Kadenz auf der Elektro-Geige. Plötzlich öffnet sich eine Klanglandschaft zwischen Klassik, Jazz, Pop und freier Improvisation, in die das Beste von Kennedys Jazz-Erfahrungen eingegangen ist. Die Stelle ist ohne Frage ein Überraschungsmoment. Kein Wunder! Kennedy: „Die Kadenz soll ja den Geist und die Herzen öffnen und nicht verschließen – und ich glaube, dass diese  Kadenz dem Ganzen eine ganz neue Atmosphäre verleiht.“ Trotz dieser Freiheiten findet sich in der Kadenz Mozarts gesamte Substanz: Basis ist das fanfarenartige Hauptmotiv, das in der Mischung von Streichern und Cembalo als Grundierung präsent bleibt. Und das letzte Wort auf der CD hat dann wieder Kennedys Jazz: Der Titel Creepin’ In von Horace Silver klingt in Kennedys Fassung wie ein aus Mozart herausgewachsener Epilog …

Im Frühjahr 2008 wird Kennedy „seinen“ Mozart und „seinen“ neuen Beethoven in vielen deutschen Städten vorstellen: siehe Extraseite „Nigel Kennedy auf Tour“.´

 ZUM INTERVIEW MIT NIGEL KENNEDY

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