Peter Maffay - Tattoos – 40 Jahre – Alle Hits (CD plus DVD) im Test von Holger Stürenburg

Vierzig Jahre PETER MAFFAY – das muß man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Das gibt es doch eigentlich gar nicht. Damals, 1970, ein junger Schlagersänger unter vielen – der aber sogleich mittels seiner allerersten Single „Du“, geschrieben von Peter Orloff und Startexter Dr. Michal Kunze, an die Spitze der deutschen Singlecharts raste, eine Goldene Schallplatte dafür erhielt und umgehend zu Karrierebeginn deutsche Musikgeschichte schrieb und einen frühen real existierenden Kulthit (!) schuf, der noch heute auf nicht wenigen Schlagerpartys zum Engtanzen und Kuscheln animiert.

Gemeinsam mit seiner langjährigen Band, bestehend aus Bertram Engel (dr), Carl Carlton, Peter Keller (git), Jean-Jacques Kravetz (pi, key), dessen knapp 40jährigem Sohn Pascal (key, pi, git) und Ken Taylor (b), sowie dem vielköpfigen „Wroclaw Score Orchestra“, hauchte der 60jährige nun zu seinem 40. Bühnenjubiläum 13 seiner unvergleichlichen Superhits aus vier Jahrzehnten derart viel neues Leben ein, daß es einfach nur ein Vergnügen ist, diesem musikalischen Meisterwerk sein Ohr zu leihen. Und dies nicht nur für überzeugte Maffay-Freaks, wie den Rezensenten, sondern auch für diejenigen, nicht Scheuklappen-behafteten Musikfreunde, denen Peter bislang vielleicht einwenig „suspekt“, schnulzig, nicht rockig genug etc. erschien.

Auf „Tattoos“ (Ariola/SONY Music), erhältlich als Einzel-CD mit 15 Titeln, sowie als „Premium Edition, verbunden mit einer äußerst spannenden und informativen DVD über „40 Jahre Peter Maffay“ , einem Interview mit dem Jubilar sowie Hintergrundberichten hinsichtlich Album- und Videoproduktion, leisten Peter und sein Team ganze, beste Arbeit.
Das, was Peter, Band und Orchester auf vorliegender CD vollbringen, ist schlicht umwerfend. Wir kennen (nahezu) alle Lieder seit zig Jahren, es sind klassische Maffay-Evergreens, mal mehr rockig, mal mehr balladesk ausgerichtet – aber wir ERKENNEN sie kaum wieder, nach jener konstruktiven Frischzellenkur a.D. 2010!

Da wäre etwa „Schatten in die Haut tätowiert“; ein Albumtrack aus „Carambolage“, einem phänomenalen Opus von Peter Maffay, das aber niemals diejenige öffentliche Reputation seitens Fans, Kritikern (und dem Interpreten selbst!) zuerkannt bekam, die diese überwiegend hardrockende LP schon zu ihrem Erscheinungsdatum am 24.2.1984 verdient hätte. „Schatten…“ war einst ein knallharter Rocksong, straight und geradeaus. Die beiden letzten Faktoren kommen auch in der 2010er-Neuversion kongenial zum Zuge. Doch heutzutage erklingt dieser Maffay-Liveklassiker als prickelnde Mixtur aus eher stilleren Country-Elementen, vehementem Akustikgitarren-Einsatz und monumentalen Soundwällen, dargeboten vom begleitenden Orchester.

„Sonne in der Nacht“ war im Herbst vor 25 Jahren nicht nur Titelgeber für Peters grandiose 1985er-LP, sondern auch ein veritabler Singlehit, der bis heute bei keinem Maffay-Konzert fehlen darf. Ein Vierteljahrhundert später, ertönt dieser ultimative Ohrwurm zweifellos aufgedonnert, phonstärker, heftiger, drastischer, als das ohnehin schon wundervolle Original. Lärmende E-Gitarren paaren sich perfektest mit dem ebenso „lärmenden“ Orchester, den unzähligen Streichern und Bläsern. Der Titel wächst sich zu einem wahren „Klangorgasmus“ aus; dies mag nicht jugendfrei formuliert sein, aber anders kann man diese absolut gelungene, mitreißende, aufwiegelnde Neuinterpretation des großen Deutschrock-Klassikers „Sonne in der Nacht“ nicht bezeichnen.
Einfach nur… WOW!!!

Sacht, einfühlsam, bleibt es hingegen auch 2010 in einem der wohl schönsten, stimmungsvollsten Gefühlslieder, das die deutsche U-Musikszene jemals hervorgebracht hat: 1976 präsentierte Peter die Ballade „Und es war Sommer“; ein Kultsong über das ‚Erste Mal’ eines 16jährigen Jünglings, der zur heißen Jahreszeit von einer 31jährigen Frau verführt wird – und somit in einer Nacht, irgendwo am Strand, von allen anderen unentdeckt, zum Mann wird und die Sonne am nächsten Morgen als ebensolcher wieder sieht.
Der damalige Top-5-Hit verbleibt in seiner Neuauslegung in absolut kaminfeuertauglicher Romantik, in akustischem Ambiente; perlende Konzertgitarren treffen auf sanfte Streichereinsätze. Eine wahrhaft herausragende aktuelle Inszenierung eines unpathetischen, so schüchtern/niedlichen, wie kraftvollen, aussagestarken Liebesliedes, das niemals vulgär war, mit Erotik nur ganz, ganz dezent spielte – und wohl gerade deshalb auch 34 Jahre nach Entstehen zu den ganz, ganz großen deutschen Rocksongs aller Zeiten gerechnet werden muß!

1979 veröffentliche die ostdeutsche Rockband „Karat“ die traumhafte Ballade „Über sieben Brücken musst Du gehen“. Ein Jahr darauf nahm sich Peter Maffay dieses melancholisch/philosophischen Titels an. Er erschien sozusagen als „Deutsch-Deutsche Originalaufnahme“ auf Peters 1980er-LP „Revanche“ und avancierte als Singleauskoppelung zur Jahreswende 1980/81 zu einem Klasse Top-4-Erfolg für ihren Interpreten – kein Schlager (mehr), (noch) kein echter Rock – ein Zufallstreffer, mag man sagen, aber auf jeden Fall ein Lied, das westdeutsche Ohren darauf aufmerksam machte, daß es jenseits der Zonengrenze supertolle Künstler gab, die ihm Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten, wenn auch nur kryptisch, ihren Teil zur Annäherung zwischen „BRD“ und „DDR“ leisteten. Ein Kinderchor und  eine durchwegs klassische, orchestrale, gleichsam sehr zurückhaltende, sparsame Instrumentierung auf Pianobasis, mit Percussion statt rockigem Schlagzeug, lassen „Über sieben Brücken…“ 2010 trefflich und gekonnt wieder aufleben! – Aufleben als echte, originäre Hymne, verfeinert mit einem prägnanten Saxophonsolo, um daran anschließend wiederum als zierliche Klavierballade zu enden.

1982 war das Jahr von „Friedensbewegung“, Anti-Nato-Demonstrationen und einer allgemein verbreiteten Protestkultur gegen die geplante Nachrüstung bzw. Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen auf westdeutschem Boden. Viele einheimische Künstler schufen damals dazu einen tönenden Soundtrack. So befand sich auf Peters gefeierter 1982er-Scheibe „Ich will leben“ die (einstmals), sehr intensive und energetische Rockballade „Eiszeit“ – Obwohl „nur“ ein Rang 31 in den Singlecharts – die dazugehörige LP dagegen wurde bereits VOR Veröffentlichung im – laßt mich lügen… – Januar oder Februar 1982 alleine aufgrund der Vorbestellungen vergoldet –, erwies sich „Eiszeit“ als DER pazifistische Überlebenshymnus schlechthin. Genreähnliche Kollegen von „BAP“ über Wolf Maahn bis hin zu Udo Lindenberg sahen dagegen alt aus. Textlich banal, sagen wir deutlich: schlicht gehalten, traf „Eiszeit“ einfach das Denken und Fühlen der kriegsängstlichen Menschen in jenen Tagen direkt und unverblümt auf den Punkt. „Eiszeit“ war Zeitgeist – „Eiszeit“ ist (obwohl inhaltlich längst überholt) noch heute klingende Zeitgeschichte und Pflichtprogramm in jedem Maffay-Konzert.
Für „Tattoos“, überlegten sich Peter, seine Band und das Orchester eine über sechsminütige Neuinszenierung, die es zweifellos in sich hat. Diese vermittelt einerseits den bedrohlichen Inhalt auf jederzeit überzeugende Art und Weise, behält dabei aber das Augenmerk aufs Positive, aufs Versöhnliche, stets im Blick. Kurz und Knapp: „Eiszeit“ 2010 ist ein kleines Rockoratorium geworden. Es setzt das, was es inhaltlich ausdrücken möchte, mittels Instrumentierung und Arrangement Eins zu Eins um. Innerhalb der rund sechs Minuten seiner Dauer, kommen leise, nachdenkliche Mosaiksteine genauso zum Tragen, wie Rockiges, Lautes. Bedrohliches und Versöhnliches wird gleichermaßen herübergebracht. Vielleicht zeigt „Eiszeit“ erst jetzt, 2010, in dieser geradezu bombastischen Ausprägung, die gesamte Spannbreite, die dieser historisch bedenkenswerte Titel in sich trägt.

„Freiheit, die ich meine“ war ein Titel aus Peters schier umhauendem Gitarrenrock/Blues-Album „Sechsundneunzig“, aus ebenjenem Jahr. Heutzutage ziehen Band und Orchester das Tempo dieser Lobpreisung von  Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Eigeninitiative deutlich an, entziehen ihr jegliche Radiokompatibilität und Mainstreamlastigkeit des (sowieso schon extrem gelungenen) Originals. Streicher und Rockgitarren gehen hierbei vorzüglich aufeinander ein; es entsteht eine Art trotziges, punkähnliches Feeling. So etwas nennt man einen originären Deutschrock-Klassiker; der plakative Text der liebenswerten Kollegin Julia „Jule“ Neigel entfaltet vielleicht sogar erst 2010 all seine Facetten, die – mal rein subjektiv gesprochen – 1996 Dank des (*räusper unnötig! der Verf.) kommerziellen Arrangements des Originals womöglich viel zu sehr im Verborgenen blieben.

„Glaub an mich“ erschien ursprünglich 2004 auf der etwas schalen Doppel-CD „Laut & Leise“. „Sechs Jahre später“ (sorry, lieber Bernd ;)) der Verf.!) wird aus einem netten Popsong ein international jederzeit konkurrenzfähiger Rock-Hymnus, nahe Springsteen, um die Ecke bei „R.E.M.“; Gitarren und Streicher mal wieder punktgenau neben-, oft aufeinander – Peters Gesang dazu einfühlend und einfühlsam in einem. Ein „Perfect Rocksong“, der erst 2010 all seine hohe Qualität entfaltet, was auf „Laut & Leise“ (leider) noch nicht geschehen ist. Aber, wie es so schön heißt: Besser spät, als nie!

1975, kurz vor „Und es war Sommer“, veröffentlichte Peter ein ähnlich ausgestaltetes Lied namens „Josie“. Die Geschichte eines jungen Mädchens, kein Kind mehr, aber noch keine Frau – depressiv verträumt vor dem Spiegel sitzend und sich fragend: Wat ess nu? Ich bin doch aus dem Barbiepuppen-Alter raus, aber ich bin noch längst keine Sexbombe für den nächstbesten Verehrer, der eh nur das eine will.
Im Oktober 1975 ein Top-10-Hit, versehen mit herzzerreißenden, ultraehrlichen Worten von Joachim Relin – einst ein Schlager, keine Frage. 2010 eine – wie sollen wir es nennen? – Soul-Pop-Nummer, Gospel-Hymne? Auf jeden Fall ein unvergleichlicher Maffay-Titel, der im großorchestralen Arrangement ganz neu, unverbraucht, sagen wir ruhig elitär, gediegen-großbürgerlich daherkommt.
Ich sage nur: Umwerfend!

Natürlich darf auch „Du“ auf „Tattoos“ nicht fehlen. Peters Einstand damals… „verdamp lang her“… 1970… der Verfasser dieser Zeilen war vielleicht gerade mal gezeugt worden… damals eine Dieter-Thomas-Heck-kompatible Schnulze, 2010 auf ein aufgedonnerter Bluesrocker – man verspürt unvermindert die geradezu diebische Freude des „Wroclaw Score Orchestras“, genau jenem Titel – Peters „Hassliebe“, immerhin sein Einstieg in die deutsche Musikszene und zugleich ein Lied, das ihm von manchen Unbelehrbaren bis heute (ohne logischen Grund!!!) als „Peinlichkeit“ vorgehalten wird – auf hier hörbare, ggf. einwenig überzeichnete, groteske Art und Weise, neues Leben einhauchen zu dürfen. „Du“ 2010 ist KEIN Schlager – nix da! –; das ist ein wiegender, bluesiger Rocksong – nicht mehr und nicht weniger!
Hut ab! – Gerade hiermit hast Du es, lieber Peter, Deinen überheblichen Möchtegern-Kritikern und Stänkerern ganz besonders (!!!) gezeigt!!!

„So bist du“ war im April/Mai 1979 Peters (nach „Du“) insgesamt zweiter Nummer-Eins-Hit in diesem, unseren Lande. Die erste Singleauskoppelung aus der famosen LP „Steppenwolf“, die erstmals so recht den rockigen Peter an den Tag legte, ist ein ohne jegliche Zweifel ein unzerstörbarer Evergreen. Eine hoch emotionale Rockballade per Excellanze. Hören und Genießen – mehr gibt es dazu nicht zu sagen!

Als Vorab-Auskoppelung aus „Revanche“, diente im Herbst 1980 die noch einwenig schlagerhafte, aber doch schon recht „deutschrockende“ Liebeselegie „Weil es Dich gibt“, komponiert von Peter, betextet von Lyriklegende Dr. Bernd Meinunger und dem Hamburger Multitalent Volker Lechtenbrink. Damals, ja, kommerziell gedacht, als auserwählter Nachfolger von „So bist Du“ arrangiert – heute, 30 Jahre später, eine exzellente Rockpop-Powerballade alleredelster Machart, rockig, treibend; das neue, sehr amerikanisch ausgefallene Arrangement lässt gewisse Folk-Untertöne erkennen.

Der Titelsong von Peters letztem Studioalbum, „Ewig“, geschrieben von Ex-„Paniksohn“ Lukas Hilbert und – bitte festhalten!!! – dem hanseatischen Techno-Papst Alex Christensen („U 96“), leitet, walzerähnlich, nur per Streicher klassisch umgesetzt, über in Richtung des Finales von „Tattoos“. Dieses besteht aus dem bislang unveröffentlichten Pop/Rock-Schleicher „Wir verschwinden“. der auf grazile Weise die Trennung eines Paares beschreibt: „Es ist aus und vorbei / bricht entzwei / wir verschwinden“ (Textzitat). Die Liebe zweier Menschen verschwindet – rockig, hymnisch, aber trotzdem im balladesken Kontext gehalten, zeigt gerade dieses ganz neue Lied, wie wir Alt-Fans uns unseren Peter auf dessen nächstem, regulären Studioalbum wünschen!!! Keine unnötigen bis unpassenden Experimente, wie bei „Begegnungen – II“, kein langweiliger Radiopop, wie auf „Laut & Leise“ – sondern Peter Maffay, wie er leibt und lebt!

Als der Großmeister des deutschen Rock im Herbst 1983 seine, zusammen mit Kinderliedermacher Rolf Zuckowski ausgetüftelte, erste kindgerechte Märchenplatte „Tabaluga oder: Die Reise zur Vernunft“ auf den Markt brachte, staunten nicht wenige, sonst immer aufgeschlossene Freunde deutscher Rockmusik. Ihr Held Peter Maffay kam plötzlich und ohne jegliche Vorankündigung mit einem vertonten Kindermärchen daher. Aus dieser LP wurde die Ewigkeitsballade „Nessaja“, beginnend mit der inzwischen längst Legendenstatus innehabenden Textzeile „Ich wollte nie erwachsen sein…“ ausgekoppelt. LP schnurstracks auf Rang Zwei, Single radikal auf Rang 17. Die darin beschriebene „Kindlichkeit“, möchte Peter Maffay – Zitat – „im Leben nicht verlieren, weil sie so wertvoll ist… Viele sind große und kleine Kinder. Gott sei Dank!“, sagt Peter Maffay 2010, nach vierzig (!!!) erfolgreichen Jahren auf der Bühne, in Studios, in TV-Shows, in den Hitparaden!

Peter Maffay und seine diversen Mitmusiker haben sich auf „Tattoos“ selbst übertroffen. Das Album ist einfach nur Spitze! Daran gibt es nix zu deuteln. Dat ess einfach so!!! Aus mehrheitlich allseits bekanntem Songmaterial. haben die Beteiligten alles nur Erdenkliche herausgeholt, was zum einem herauszuholen und zum anderen neu hinzuzufügen war – ohne jemals, auch nur sekundenlang, den unverbrüchlichen Charme der Originale anzugreifen, gar zu zerstören.
Es ist Sonntagnachmittag, tiefster Winter zu Hamburg-City – der Verfasser dieser Zeilen strahlt einfach nur in Anbetracht dieses hochwertigen Meisterwerks deutscher Rockkultur!
Gesamtnote:  Bestwertung mit Stern!!!
Quelle: Holger Stürenburg, 07./08. Februar 2010

Links:
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